Was ist eigentlich Kunstradsport?

Kleine Regelkunde des Kunstradfahrens

Die Fahrfläche der Kunstradfahrer ist bei Wettbewerben im Normalfall 14,00 m lang und 11,00 m breit, bei einzuhaltenden Mindestmaßen von 12,00 m x 9,00 m.
Die Dauer des vortragenen Programms beträgt maximal fünf Minuten. In dieser Zeit können von den Sportlern bis zu 28 Übungen gezeigt werden. Die Minuten werden angesagt. Das Programm ist eine Kür. Diese wird gemeinsam vom Sportler und dem Trainer zusammengestellt. Beide wählen nach dem Können des Sportlers aus etwa 120 Übungen aus. Für alle Übungen gibt es verschiedene Schwierigkeitsstufen. Die Punktzahl der einzelnen Übungen erhöht sich mit dem Schwierigkeitsgrad. Es ergeben sich große Unterschiede zwischen beispielsweise freihändig, rückwärts oder in Form einer "Acht" gezeigten Übungen. Die Schwierigkeitspunkte der Kür werden auf dem Wertungsbogen erfaßt und zum Wettkampf eingereicht. Die Kampfrichter bewerten die Schwierigkeit (Inhalt) und die Ausführung der Kür. Die Wertung ist eine Abzugswertung; der Sportler kann also höchstens seine aufgestellten Punkte als Wettkampfergebnis erreichen. Punkteabzüge bei der Schwierigkeit gibt es unter anderem:
- wenn bei einer Figur nicht die vollständige Wegstrecke, eine einfache Runde, oder eine "Acht" zurückgelegt worden ist: Abzüge von 10%, 50% oder 100%.
- wenn eine Figur (z. B. Sattellenkerstand) abgebrochen oder ganz ausgelassen wird: 10%, 50% oder 100%.
- oder wenn die Fünf- Minuten-Zeit überschritten wird: 100%.
Stillstände müssen 3 Sekunden dauern. Punkteabzüge bei der Ausführung erfolgen bei nichtflüssiger Fahrweise, schlechter Haltung, Überfahren der Flächenbegrenzung oder des 4 m Innenkreises, Berühren des Bodens mit den Füßen oder gar Stürzen. Hier heißen die Abzüge x = 0,2 P, ~ = 0,5 P, I = 1,0 P und O = 2,0 P. Die erreichte Gesamtpunktzahl ergibt sich schließlich, wenn die Summe der Fehler aus Schwierigkeit und Ausführung von der aufgestellten Gesamtpunktzahl abgezogen worden ist. Für das Zweier-Kunstfahren gelten die gleichen Regeln. Im 4er Kunstfahren ist Gleichmäßigkeit gefragt. Die Übungen müssen eine ganze Runde oder von einer Seite zur anderen Seite gezeigt werden. Je nachdem, in welcher Richtung die Übungen auf der Fahrfläche gefahren werden, gibt es hier Quer- und Längszüge, Runden, Doppelrunden und Achten, sowie Sterne, Mühlen, Ringe, usw. und das alles im 2er oder 4er. Die Sportler sitzen immer im Sattel und behalten die Füße auf den Pedalen und können alle Übungen vorwärts oder rückwärts zeigen.


Gedanken über den Kunstradsport

Wenn man auf die Frage eines durchaus sportinteressierten Menschen “Was machst du in der Freizeit” die Antwort gibt “Ich bin in einem Kunstradsport-Verein aktiv”, so lautet oft die nächste Bemerkung “Ah, das ist doch Handstand auf dem Fahrrad und so.”
Wie geht das Gespräch weiter? Zunächst einmal verdeutlicht die Antwort, daß der andere – kraß gesprochen - im Grunde keine Ahnung von unserem Sport hat. Wir haben uns daran gewöhnt, da das Kunstradfahren nun einmal eher ein Randsport ist.
Aber wie bringen wir jetzt dem geneigten Fragesteller das Kunstradfahren näher und vor allem: Wie sage ich, daß ich keinen Lenker-Handstand kann, da diese Übung zu denen mit der größten Schwierigkeit zählt?
Zum Glück besitze ich ein dickes Lexikon. Unter dem Buchstaben “K” finde ich:

Kunstradfahren
Kunstfahren, ein Sportwettbewerb mit turnerisch-artistischen Übungen auf dem Fahrrad; eine Disziplin des Radsports. Auf Spezialrädern mit vorgeschriebenen Maßen und einer sehr kleinen Übersetzung (1:1) werden Wettbewerbe im
Einer-, Zweier- und Vierer-Kunstradfahren sowie Sechserkunstfahren für Männer und Frauen ausgetragen. Im Wettbewerb ist eine bestimmte Zahl von Übungen in einer festgelegten Zeit vorgeschrieben. Ein Kampfgericht bewertet die Ausführung nach dem Schwierigkeitsgrad der Übungen. — Deutsche Meisterschaften seit 1921, Weltmeisterschaften seit 1960.
© 1998 Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH. Aus: Bertelsmann Discovery '99.

Aha! Als Einstieg ist diese Definition durchaus zu gebrauchen. Der Eintrag im Lexikon beschreibt immerhin den Kern der Sportart recht zutreffend und legt dar, daß der Kunstradsport bereits eine ansehnliche Zeit betrieben wird. Wir betreiben also keine Trendsportart, sondern einen Sport mit Tradition. Um das Kunstradfahren zu beschreiben, muß jedoch etwas weiter ausgeholt werden. Damit ein Kind überhaupt zu unserem Sport findet, muß zunächst einmal ein entsprechender Verein in der Nähe sein. Bedauerlicherweise haben wir keine flächendeckende Vereinsverbreitung, wie dies beispielsweise beim Fußball der Fall ist. Ein weiteres Problem besteht darin, daß der Kunstradsport im Fernsehen so gut wie nicht gesendet wird. Daher können Kinder nicht, wie beim Fußball, Tennis oder auch Eiskunstlaufen, das Interesse ihrer Eltern übernehmen, die sich regelmäßig via TV über diese Sportarten informieren. Der potentielle Nachwuchs benötigt also eine “kunstradsportliche Begegnung”. Naturgemäß geschieht dieses am sichersten, wenn Eltern ihren Nachwuchs zu dem von ihnen betriebenen Sport mitnehmen. Eine andere Möglichkeit ist der Kontakt zu den umliegenden Schulen, wo Sportstunden mit Kunstradfahren gestaltet werden können. Sodann steht fest: Die Kinder sind in vielen Fällen durchaus fasziniert, wenn sie beim Kunstradfahren zuschauen. An den leuchtenden Augen kann dann der Wunsch abgelesen werden “das will ich auch können”. Ist das Interesse erst geweckt, lauern schon die nächsten Hürden. Zur übergreifenden Einsortierung unseres Sports in die allgemeine Landschaft der Sportarten sagt das Lexikon folgendes:

Leistungssport
Im Unterschied zu Freizeit- und Breitensport eine Art sportlicher Betätigung, bei der eine hohe Leistungsfähigkeit als Ziel angestrebt wird. Leistungssport setzt ständiges Training voraus. Erfolgreiche Leistungssportler bezeichnet man auch als Spitzensportler.
© 1998 Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH. Aus: Bertelsmann Discovery '99.
Also: Kunstradfahren ist ein Wettkampf-orientierter Leistungssport.

Es kommt immer sehr stark auf die individuellen Fähigkeiten an und dies nicht nur im Einer-Kunstfahren. Egal, ob Zweier-, Vierer- oder Sechserkunstfahren betrieben wird, es besteht so gut wie keine Möglichkeit, die Formschwäche eines anderen Fahrers auszugleichen. Um ein hohes Leistungsniveau zu erreichen muß bereits im Grundschulalter begonnen werden, sobald bei den Kindern eine ausreichende Körperkoordination vorhanden ist. Das gute alte Sprichwort “Früh übt sich, wer ein Meister werden will” trifft zu. Neben den körperlichen Voraussetzungen müssen die Kinder auch noch mutig sein, Niederlagen verarbeiten und Stürze mit schmerzenden Blessuren wegstecken können. Und auch noch regelmäßig über Jahre zum Training kommen. Es wird klar, daß auch die Eltern dahinterstehen sollten, da vor allem in Durchhängephasen sowohl Beistand als auch Antreiben nötig sind. Aufgrund dieser Voraussetzungen ist es bestimmt kein Zufall, daß in ungezählten Fällen erfolgreiche Sportler von ihren Eltern, die früher auf dem Kunstrad aktiv gewesen sind, trainiert werden. Oftmals ziehen Bekannte aus dem Freundeskreis der “Trainer-Kinder” mit. Je größer der Verein ist, desto deutlicher ist dieser Effekt. Bei uns im “Blitz” war die vorgenannte Konstellation von den 70er- bis in die 90er-Jahre vorhanden, derzeit ist sie leider nicht gegeben. Wir haben gut ausgebildete Übungsleiter, deren Tätigkeit jedoch auch dadurch erschwert wird, daß die "Gameboy-Generation" schlicht zu wenig auf Bäume klettert und oftmals viele körperliche Voraussetzungen erst im Training geschaffen werden müssen. Einer zeitintensiven, breit angelegten Talentsichtung und –förderung steht die unbefriedigende Ausstattung mit Hallenzeiten entgegen, ein in der Gemeinde Rösrath nur zu gut bekanntes Problem. Wir blicken trotzdem optimistisch in die Zukunft, da bei uns ein intaktes Umfeld vorhanden ist und in Rösrath derzeit eine neue Sporthalle entsteht, die auch für zusätzliche freie Einheiten in unserer Trainingshalle am Bergsegen sorgen sollte.